Warum brauchen wir ein europäisches Zahlungssystem? Mit Martina Weimert
Shownotes
Martina Weimert, CEO der European Payments Initiative (EPI), beziffert die Reichweite des Bezahldienstes Vero: „Heute schon können wir mit denen, die entweder schon bei der Kooperation dabei sind oder angekündigt haben, dass sie jetzt dazukommen werden, 190 Millionen Kunden abdecken." In Belgien liegt die Marktdurchdringung nach eigenen Angaben bei 100 Prozent. Den digitalen Euro sieht Weimert nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung – etwa für die Offline-Zahlung, die Vero nicht abdeckt. [14:18]
Ferda Ataman, Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, sieht in Diskriminierung auch ein Problem für den Standort Deutschland. Fachkräfte würden ausgegrenzt: „Wir wissen, dass pro Jahr der Personalmangel in Deutschland zum Beispiel Deutschland oder die deutsche Wirtschaft 50 Milliarden Euro kostet." Die laufende AGG-Reform greift ihr zu kurz, weil Diskriminierung durch Algorithmen rechtlich eine Grauzone bleibt. [00:35]
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Transkript anzeigen
00:00:05: Herzlich willkommen zu einer neuen CEO-Edition des Podcasts Table Today.
00:00:09: Mein Name ist Alexander Wiedmann und bei mir ist mein Kollege Alex Hofmann.
00:00:13: Wir sprechen heute mit Martina Weimert, CEO der European Payments Initiative über die Zukunft des Bezahlens in Europa.
00:00:21: Außerdem ist Ferda Atamant die unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung bei uns zu Gast.
00:00:27: Das ist unser Programm für diesen Samstag den fünfundzwanzigsten Juli.
00:00:31: schön dass sie wieder dabei sind!
00:00:36: Man mag es kaum glauben, wenn man durch Berlin läuft.
00:00:38: Aber der Trend geht auch in Deutschland weg vom Bargeld.
00:00:41: Nach Daten der Bundesbank wurden im Jahr und zwei Tausend Fünfundzwanzig erstmals mehr Einkäufe bargeldlos als mit Bargeld bezahlt.
00:00:50: Fünfundfünfzig Prozent der Transaktionen empfehlen auf bargeldlose Bezahlverfahren.
00:00:55: Gemessen am Umsatz ist die Debitcard inzwischen das wichtigste Zahlungsmittel – auf sie jeden Fallen achtundzwantig Prozent des Zahlungsvolums.
00:01:03: Der Trend weg vom Bargeld wirft allerdings auch eine wichtige Frage auf, wie abhängig sind wir denn beim Bezahlen von amerikanischen Anbietern?
00:01:11: Wie Visa, Mastercard, Apple Pay, Google Pay oder PayPal.
00:01:15: Alex du hast dazu Zahlen gefunden!
00:01:17: Ja in der Tat, im Jahr ist es mehr als zwei Drittel der Kartentransaktionen auf außereuropäische Anbiete.
00:01:24: Das zeigen Daten der EZB.
00:01:27: Um diese Abhängigkeit zu verringern, haben sich europäische Banken und Finanztie-Slicer bereits in der European Payments Initiative kurz EP zusammengeschlossen.
00:01:38: Und ihr Produkt heißt Vero!
00:01:40: Was genau ist dieses Vero?
00:01:42: Vero ermöglicht Echtzeitüberweisungen direkt von Konto zu Konto.
00:01:46: Grundlage ist das Europäische SEPA System aber man braucht dafür keine eBahn oder BIC.
00:01:52: Vero ist gewissermaßen die europäisch Antwort auf PayPal
00:01:55: Und man sieht ja überall die Werbeplakate von Vero hängen.
00:01:59: Wie verbreitet ist das denn inzwischen?
00:02:01: Ja, also nach Angaben der EPI nutzen bereits forty-sech Millionen Menschen in Europa Vero – in Deutschland immerhin neun Millionen Kunden!
00:02:09: Aber da muss man ein bisschen vorsichtig sein, dass sind nur die Anzahl der Menschen, die die App runtergeladen haben.
00:02:15: Wie weit Vero wirklich ist und was der Vorteil auch gegenüber dem digitalen Euro ist mit dem die EZB ähnliche Ziele verfolgt….
00:02:22: Das haben wir Martina Weimat befragt.
00:02:24: Sie steht seit der Gründung der European Payments Initiative an deren Spitze und treibt den Aufbau einer unabhängigen europäischen Zahlungsinfrastruktur voran.
00:02:34: Martina Weimert lebt in Paris und ist uns nun telefonisch zugeschaltet.
00:02:38: Frau Weimart, herzlich willkommen im Podcast Table Today!
00:02:41: Hallo,
00:02:42: guten Morgen.
00:02:43: Frau Meimert, bevor wir über Vero sprechen – was haben sie heute morgen gekauft?
00:02:49: Und wie haben sie das bezahlt?
00:02:50: Ich habe heute Morgen noch gar nichts gekauft.
00:02:54: Aber normalerweise, wenn ich kaufe, nutze ich die Karte oft auch über Apple Pay.
00:03:00: Über Apple Pay?
00:03:02: Sehr gut!
00:03:02: Wie oft nutzen Sie im Alltag Vero und greifen Sie auch manchmal auf PayPal zurück?
00:03:09: Vero sehr häufig mache nicht jeden Tag PtoP Transaktionen oder e-commerce Transaktionen aber zum Glück immer mehr.
00:03:16: Das freut mich natürlich persönlich besonders.
00:03:20: PayPal nie.
00:03:22: Ich wohne in Frankreich.
00:03:23: da Gibt es zwar PayPal, aber niemand nutzt das.
00:03:27: Also das braucht man nicht.
00:03:29: Juli hat das EU-Parlament jetzt den Weg frei gemacht für den rechtlichen Graben des digitalen Euros.
00:03:35: Der digitale Euro hat ein ähnliches Versprechen, würde ich sagen wie Vero.
00:03:39: Wenn der digitale Eurot tatsächlich kommt, braucht es dann Vero überhaupt noch?
00:03:44: Naja erstmal sind wir ja fünf Jahre früher da.
00:03:47: Wir sind schon im Markt.
00:03:49: Das ist bei der Privatwirtschaft immer schneller als der Staat.
00:03:53: Ja, und ich denke es gibt auch andere Versprechen oder Dienstleistungen da die da mit verbunden sind.
00:04:01: Wir können Dinge machen wie zum Beispiel die Integration von Händler-Treueprogramm.
00:04:06: Ich glaube nicht dass solche Sachen jetzt vorrangig im Aufgabenfeld einer Zentralbank liegen.
00:04:14: Deswegen denke ich schon, dass wir da durchaus unsere Berechtigung haben.
00:04:18: Außerdem ist das Ganze ja sehr bei den Banken auch integriert.
00:04:22: Das ist also eine natürliche Expansion der Bankenaufgaben im Bereich Kundendienst, also Kundenähe die Sie da anbieten.
00:04:36: Aber werden dann nicht zwei europäische Lösungen für das selbe Problem gebaut?
00:04:42: Das stimmt in gewisser Weise zumindest.
00:04:46: Man muss mal sehen, wie sich der digitale Euro definitiv entfalten wird.
00:04:49: Ich glaube schon dass wir da durchaus komplementär auch sein können.
00:04:55: Da gibt es Sachen die wir nicht machen, die der digitale Euro machen wird zum Beispiel die Offline Komponente also was passiert wenn Strom ausfällt?
00:05:04: Ja, das hat natürlich etwas mit Resilienz zu tun.
00:05:07: Wir sind mehr auf der Schiene.
00:05:10: was sind alle Dienstleistungen die entweder der Handel oder der Konsument in Europa anfragt und positionieren uns in diese Richtung.
00:05:20: Aber glauben Sie dass der digitale Euro noch scheitern kann?
00:05:23: Oder ist inzwischen so weit fortgeschritten dass das kommen wird?
00:05:28: Wir müssen sehen was es im Markt geben wird.
00:05:31: Die Politik durchdrücken will, ist ganz klar.
00:05:36: Wir müssen sehen wie der Konsumenter darauf reagieren wird weil es gibt ja andere Beispiele wo das gemacht wurde zum Beispiel in China und wo das kein Erfolg ist.
00:05:46: Sie haben schon eine gewisse Marktdurchdringung geschafft.
00:05:49: In Deutschland haben sie neun Millionen Gründen aber in Europa siebenundfünfzig Millionen.
00:05:55: Wo wollen Sie hin?
00:05:57: Was ist das Ziel um eine gute Markt Durchdringungen zu schaffen?
00:06:02: Auf jeden Fall weiter an diesem Kundenstock aufbauen.
00:06:05: Wir sind jetzt zwei Jahre im deutschen Markt unterwegs, in anderen Märkten ein bisschen weniger.
00:06:13: Lange, aber die Idee ist natürlich ganz Europa abzudecken.
00:06:18: Sie haben gesehen dass jetzt Österreich mit dazu gekommen ist das heißt wir hatten jetzt sechs Kernländer und außerdem haben wir die Kooperation mit den anderen digitalen Zahlungslösungen in Europa wo wir darauf bauen dass wir also interoperabel werden die entweder schon bei der Kooperation dabei sind oder angekündigt haben, dass sie jetzt dazu kommen werden.
00:06:47: Hundert neunzig Millionen Kunden abdecken und das ist schon mal eine gute Hausnummer für Europa würde ich sagen.
00:06:54: aber wir wollen natürlich auf weitere Länder nicht nur die dreizehn Märkte, die wir jetzt dabei haben in dieser Kooperation sondern ganz Europa abdeckten.
00:07:04: Aber das muss schrittweise geschehen und da ist unser Augenmerk
00:07:09: Sie sind noch nicht in sechs Kernländern aktiv, sondern sie haben es angekündigt.
00:07:15: Also in drei Ländern aktiv und in drei Länder angekünstigt also in Deutschland, Frankreich, Belgien aktiv Niederlande, Luxemburg und Österreich angekundigt?
00:07:23: Also die Belgier oder Deutschen und Franzosen sind in der Tat live um.
00:07:31: die Holländer befinden sich in der Migration.
00:07:35: Das können sie heute wenn sie auf Webseiten gehen vom Händler das Vero-Logo bereits sehen.
00:07:44: Da findet im Moment die technische Migration statt, das ist ein wichtiges Unterfangen für den holländischen Markt weil alle Holländer Ideal nutzen und auf Vero überführt werden.
00:07:58: Das wird eine Bewegung sein, die bis Ende nächsten Jahres dauern wird.
00:08:02: da gibt es auch darum, beenden in September die Migration von Luxemburg.
00:08:13: Man sind also diese beiden weiteren Kernländer live und Österreich befindet sich bereits auch in der Implementierung, da wird nächstes Jahr der Service starten.
00:08:24: Es braucht halt immer eine Zeit zwischen der Entscheidung und der Implementierung bis dann der Service an den Konsumenten gereicht werden kann.
00:08:32: Und wie lang dauert es, wenn ein Kernland live ist das quasi implementiert hat bis die ersten Kunden kommen?
00:08:40: Was rechnen Sie damit mit einem Kundenwachstum.
00:08:44: Die ersten Kunden werden sofort kommen sobald der PtOP Service gelouncht ist.
00:08:49: Das ist normalerweise das Eintrittsfenster was es einfacher macht.
00:08:54: E-Commerce, stationärer Handel sind schwierige Themen.
00:08:59: Dafür muss der Kunde erst einmal Vertrauen haben in die Lösung.
00:09:03: Deswegen fangen wir mit Freunde und Familie an.
00:09:06: Da kann man eigentlich mehr oder weniger spielerisch die Funktionsweise ausprobieren.
00:09:11: Man ist in einem sicheren Umfeld, man nimmt kein Risiko auf sich und wenn man das dann erstmal gemacht hat, in der Regel bereit, das dann auch in anderen Situationen wie zum Beispiel im Handel zu nutzen.
00:09:25: Und das sehen wir jetzt – das ist genau die Bewegung, die wir jetzt verfolgen und das wissen wir auch von anderen Lösungen, die es gemacht haben, dass das eigentlich der richtige Wertegang ist.
00:09:36: Sie setzen ja auf zwei Sachen entweder man kann die Vero App bei sich runterladen oder in eine integrierten Bank.
00:09:45: Viele Banken machen schon mit.
00:09:46: Es gibt aber auch Institute, die noch nicht bei ihnen dabei sind in Deutschland zum Beispiel die DKB.
00:09:53: Woran hakt's da?
00:09:55: Was hindert die daran?
00:09:57: Jedes Institut hat natürlich seine eigenen Prioritäten und normalerweise gibt es immer Institutionen, die sagen ja ich möchte erst sehen ob die Lösung erfolgreich wurde.
00:10:08: Das haben wir in den anderen Märkten auch gesehen.
00:10:11: aber jetzt in Frankreich hat jüngst die größte digitale Bank die eigentlich nicht mitmachen wollte, sich dann doch entschieden jetzt ganz schnell dazuzukommen.
00:10:23: Einfach aus Kundendruck weil der Kunde in Frankreich die Zylose so weit nutzt.
00:10:28: das ist für die Bank ja zu schwierig geworden ist nicht das anzubieten.
00:10:34: Das kann man dann auf den Appstores verfolgen.
00:10:37: was da für Kommentare kommen.
00:10:39: Die Kunden beschweren sich wenn es schnell genug da ist und Ich denke, das muss man in sukzessive auch in Deutschland zu aufbauen.
00:10:47: Sie haben gesehen die Commerzbank hat sich dazu entschlossen zu kommen.
00:10:51: Das geschieht halt eben Schritt für Schritt.
00:10:53: Das Wichtige ist dass man eine kritische Masse hat und die Hauptanzahl der Kunden bereits bedienen kann.
00:11:03: Die anderen kommen nach und nach hinzu.
00:11:05: In Belgien zum Beispiel haben wir jetzt eine Marktdurchdringung von hundert Prozent.
00:11:10: Und ab wann ist die kritische Masse in Deutschland erreicht und ist wahrscheinlich dann sogar, korrigieren Sie mich gerne wichtiger bei den Händlern reinzukommen?
00:11:18: Ja, also dadurch dass man natürlich nicht Zeit verlieren will macht man Dinge ja dann natürlich auch ein bisschen parallel.
00:11:24: Das heißt wir haben mit PITOPI angefangen von Anfang an.
00:11:27: Wir gehen nicht in einen Markt den Start wo wir keine kritische Masse haben.
00:11:32: Also wir fangen nicht in einem Land mit einer oder zwei Banken an sondern wir warten das wir genügend Banken haben die wirklich interessiert sind.
00:11:42: In Deutschland war das von Anfang an der Fall mit den Sparkassen, den Volksreifeisenbanken und Postbank Deutsche Bank.
00:11:49: Ja die anderen Banken wie gesagt schrittweise dazu.
00:11:52: Das ist alles eine Frage der Zeit.
00:11:54: wir haben nur jetzt das Stadium auch erreicht wo wir sagen es macht jetzt Sinn in Deutschland seit Ende letzten Jahres im E-Commerce zu starten und die Händler auch da jetzt sukzessiv dazuzuschalten und den Service anzubieten.
00:12:10: Und sehr bald wird dann auch der stationäre Handel dazukommen, sodass der Kunde wirklich in den Genuss kommt.
00:12:18: So ich kann die Lösung breitflächig nutzen um egal wo bezahlen zu können mit Vero.
00:12:26: Was heißt sehr bald kommt der stationär Handel dazu?
00:12:29: Kann Sudan Zeitrahmen für uns nennen?
00:12:32: Ja das wird große Händler geben die im Laufe des zweiten Halbjahres ihre eigenen Apps die Händler-Apps, die es ja bei großen Retailern gibt's dazu zu schalten.
00:12:44: Dann können sie wenn Sie mit einer großen Supermark hätten App bezahlen, die bereits im stationären Handel nutzen.
00:12:54: und wir werden nun Karten integrieren und nächstes Jahr dann mit unserem eigenen Zahlungsmittel kontaktlos Vero in dem gesamten stationären Handel anbieten.
00:13:08: Das heißt, das wird nächstes Jahr für uns eine sehr große Aufgabe sein aber die ersten Fälle wie gesagt Anfang oder Ende des Jahres in Deutschland.
00:13:17: Ja und zum Abstand noch eine persönliche Frage ich wohne ja in Berlin.
00:13:21: In Berlin gibt es so viele Restaurants und Bars und Kiosk wo man nicht mal mit Karte zahlen kann.
00:13:28: ist am Ende der größere Gegner gar nicht PayPal, sondern das Bargeld?
00:13:34: Bargeld ist auf jeden Fall ein sehr großes Potenzial.
00:13:39: Wir sollten nicht vergessen dass wir insgesamt in Europa noch ungefähr fünfzig Prozent an Bargeld haben.
00:13:45: und da stellt sich natürlich die Frage wie weit wird dieses Bargeld in Zukunft digitalisiert werden?
00:13:51: und da ist auch die ganze Konkurrenz will man das anderen Anbietern überlassen oder möchte man sich da selber positionieren?
00:14:00: Ich glaube, zwar Barge wird immer beibehalten werden und ich denke das ist auch wünschenswert.
00:14:05: Nicht dass so.
00:14:06: trotz sehen wir, dass es ja den starken Trend zur Digitalisierung gibt und da ist auf jeden Fall ein wichtiges Potenzial.
00:14:14: Gut vielen Dank Martina Weimert!
00:14:16: Danke an Sie, danke.
00:14:25: Diskriminierung
00:14:25: wird in Deutschland meistens als gesellschaftliches Problem behandelt, selten als wirtschaftliches.
00:14:31: Dabei zeigen die Zahlen eigentlich etwas ganz anderes.
00:14:34: Der Fachkräftemangel kostet deutsche Wirtschaft nach Angaben von Ferda Atamann der Bundesbeauftragten für an die Diskriminierungen – derzeit rund fünfzig Milliarden Euro im Jahr.
00:14:43: Tendenz schon bald könnten sogar über siebzig Milliarden sein!
00:14:47: Und ausgerechnet die Gruppen, die am Arbeitsmarkt am dringendsten gebraucht werden sind die, Außenige Fachkräfte, Frauen in Teilzeit, ältere Beschäftigte und Menschen mit Behinderung.
00:14:59: Eine Studie von McKinsey & Egon Zender kommt zu einem ähnlichen Schluss – mehr kulturelle Vielfalt und Inklusion könnten der deutschen Wirtschaft mehr als hundert Milliarden Euro zusätzlich einbringen.
00:15:10: Und trotzdem tut sich die Politik schwer!
00:15:12: Aktuell reformiert der Bundestag das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz kurz AGG, pünktlich zu dessen zwanzigstem Geburtstag im Sommer.
00:15:21: Ein zentraler Streitpunkt dabei.
00:15:22: Wer haftet eigentlich, wenn nicht mehr ein Mensch sondern einen Algorithmus über die Bewerbung einen Kredit oder eine Versicherung entscheidet und dabei diskriminiert?
00:15:31: Rechtlich ist das bislang kaum geklärt.
00:15:33: Rückhalt für eine schärfere Regelung scheint es zumindest in der Bevölkerung zu geben.
00:15:37: Fünfeinachzig Prozent der Menschen in Deutschland wünschen sich laut einer aktuellen Forserumfrage im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes einen besseren rechtlichen Schutz vor Diskriminierung.
00:15:48: Werder Ataman leitet genau diese Antidiskriminierungsstelle.
00:15:51: Unser Kollege Okan Belikli hat mit ihr darüber gesprochen, warum sie Diskriminierung für ein knallhartes Wirtschaftsthema hält und was sich am Gesetz jetzt ändern muss.
00:16:01: Hallo Frau Ataman!
00:16:02: Guten Tag Herr Belikle.
00:16:04: Sie sagen Diskriminierungen schadet der Wirtschaft?
00:16:07: Was meinen Sie damit genau?
00:16:09: Wir wissen das pro Jahr Der Personalmangel in Deutschland zum Beispiel oder die deutsche Wirtschaft, fünfzig Milliarden Euro kostet.
00:16:17: Und es gibt Prognosen, die sagen das wird bald sogar über siebzig Milliarden Euros sein.
00:16:22: und wenn man sich mal anguckt welche Personengruppen eigentlich am Arbeitsmarkt vor allem fehlen sind es genau die, die diskriminiert werden.
00:16:29: Das sind Menschen aus dem Ausland also hoch qualifizierte Fachkräfte, die Deutschland schnell wieder verlassen.
00:16:36: Das ist Menschen, die in Teilzeit arbeiten, also meistens Frauen, die stärker eingebunden werden sollen und ältere Menschen und Menschen mit Behinderung, die eigentlich am ersten Arbeitsmarkt komplett fast verdrängt sind.
00:16:49: Aber
00:16:50: woher kommt denn diese Zahl schon?
00:16:51: Fünfzig Milliarden?
00:16:52: Wie kann man das dann beziffern?
00:16:53: Das gibt Hochrechnungen jährliche vom Institut der deutschen Wirtschaft Und wir wissen auch also lassen sie es zehn oder zwanzig Millionen Milliarden mehr oder weniger sein.
00:17:06: Ich glaube jeder Mensch von uns Und jede kennt heutzutage Probleme, die aufgrund von Personalmangel entstehen.
00:17:12: Und zwar überall in allen Lebensbereichen und natürlich hat das einen Effekt auf unsere Wirtschaft.
00:17:18: Wenn ich mir angucke wir sind hier zum Beispiel im Familienministerium angedockt.
00:17:22: Hier gibt es seit Jahren Probleme Sachbearbeitung und Bürosachbearbeiterinnen zu finden.
00:17:28: Wir sind in Berlin Das ist ja eigentlich überhaupt nicht möglich dass man hier personalnicht findet.
00:17:32: Aber es gibt eben Strukturen Die ganze Gruppen komplett ausgeschlossen haben die letzten Jahrzehnte Aus dem Bildungswesen Und das hat Effekte.
00:17:39: Aber
00:17:39: können Sie es noch mal ein bisschen gedauert erzählen?
00:17:41: Also, es geht ja auch ums Thema Fachkräfte beispielsweise.
00:17:43: Sie schreiben auch in einem Papier, dass sie mit dem IFO-Institut gemacht haben.
00:17:46: wer als Unternehmer unternehmerin Menschen diskriminiert verschenkt talent und bremst Fortschritt.
00:17:51: aber wie genau messen sie das?
00:17:53: Also es gibt die jährliche Expert Insider-Studie zum Beispiel und da liegt Deutschland seit Jahren auf einem der hintersten Plätze.
00:18:04: Und ein Grund, der immer wieder gesagt wird warum hochqualifizierte Menschen aus dem Ausland nicht nach Deutschland kommen wollen ist Diskriminierung.
00:18:11: Das muss gar nicht am Arbeitsplatz sein.
00:18:12: das kann sein dass sie zb bei der Wohnung suche oder wenn Sie auf einen Amt gehen und sich anmelden wollen oder wenn sie irgendwo was einkaufen wollen dass sie dort eben merken.
00:18:21: als Ausländer hat man das in Deutschland nicht einfach und sogar dann nicht, wenn man Anzüge trägt.
00:18:26: Wenn man hochqualifiziert ist, Oxford Englisch spricht auch dann erleben Menschen Diskriminierung und sagen Dann gehe ich lieber in ein anderes Land.
00:18:34: das muss uns zu denken geben.
00:18:36: Und dann gibt es andere Studien die das auch zeigen.
00:18:38: zum Beispiel hat dass Die Bundesagentur für Arbeit mal eine Studie in Auftrag gegeben und gefragt warum den Fachkräfte aus Deutschland abwandern?
00:18:46: Und da kam auch raus dass viele menschen gesagt haben diskriminierung ist Ein Grund Warum Ich Gehe Arbeite lieber in einem Land, wo ich besser behandelt werde.
00:18:56: Könntest du mal konkret sagen, wenn wir jetzt mit CEOs sprechen würden?
00:18:58: Was würden sie denn sagen?
00:18:59: Was müssen die anders machen?
00:19:02: Also erstmal würde ich CEO sagen Diskriminierung ist ein... Problem für die deutsche Wirtschaft, das leider viel zu lange schon übersehen würde.
00:19:10: Es richtet hohen Volks- und Betriebswirtschaftlichen Schaden an und wir wissen umgekehrt dass die Förderung von Diversität und des Managing von Zusammenarbeiten in vielfältigen Gruppen sich total bezahlt macht.
00:19:24: eine McKinsey Studie zum Beispiel hat gezeigt dass Deutschland ungefähr hundert Milliarden Euro mehr Gewinn machen könnte und mehr Vorteile hätte, wenn Diversität noch mehr gefördert würden würde und Inklusion.
00:19:37: Und wir haben es in Deutschland leider mit so gewachsenen Strukturen zu tun.
00:19:40: Nehmen wir das Beispiel des Potenzial von Menschen mit Behinderung?
00:19:44: Wir haben zehn Millionen Menschen in Deutschland die einen schwer behinderten Grad haben.
00:19:48: Wir haben aber nur dreißig Prozent der Unternehmen, die ihre gesetzlichen Aufträge gerecht werden und Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz integrieren weil man so eine Grund Annahme hat, oh Gott das kostet mich ja Geld oder macht irgendwelche Umstände.
00:20:01: Dass da aber Leute sind die Hochkompetenz sind, die wenn man gewisse Barrieren abbaut wunderbar mitarbeiten können, die wahrscheinlich hoch motiviert sind?
00:20:09: Das wird leider bei uns Systematisch
00:20:11: übersehen.".
00:20:12: Jetzt gibt es auch eine Reform des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes, die geplant ist.
00:20:16: Die wurde abgeschwächt weil es Befürchtungen gab, die Wirtschaft könnte belastet werden.
00:20:20: Geht zum Beispiel um die Frage ob man baulich was verändern muss... Was sagen sie dazu?
00:20:26: Ich kann nicht nachvollziehen, warum man Angst hat davor barrierefreie Angebote zu machen.
00:20:33: Und das ist etwas kostet... Das liegt ja nur daran, dass man es seit Jahrzehnten verweigert hat, barrierofreie Angebote zu haben.
00:20:40: Wenn ich jetzt nachträglich meine Webseite oder mein Gebäude umrüsten muss, dann ist es vielleicht tatsächlich ein paar Euro.
00:20:48: Unkosten, die da durch entstehen.
00:20:50: Wenn ich aber von vornherein eine Webseite so plane dass alle Menschen auch Barrierearm diese Seite nutzen können dann sind es keine zusätzlichen Kosten und umgekehrt.
00:20:59: wir reden ja hier davon das wir Millionen von Menschen Die Zugänge ermöglichen.
00:21:04: das heißt Das bringt ja auch Gewinn rein.
00:21:06: also wie gucken leider sehr Defizit orientiert auf benachteiligte Gruppen Und auf Verpflichtung nicht zu diskriminieren statt darin den gewinn zu sehen.
00:21:16: Es bringt doch, was wenn ich Millionen von Menschen mehr als Kunden gewinnen kann.
00:21:20: Jetzt wird aktuell ja auch das Allgemein-Gleichbehandlungsgesetz reformiert da es einer ihrer Kritikpunkte dass KI und Algorithmen nicht erfasst sind.
00:21:28: Worum geht's da?
00:21:29: Zu Recht nutzen viele Unternehmen und auch arbeitgebende KI und Algoritmen zum Beispiel bei Stellen gesuchen.
00:21:38: Und da kann es sein, dass jemand sich bewirbt auf eine Stelle und gar nicht weiß, dass nicht eine Person sondern ein Algorithmus die Person selber raus sortiert hat.
00:21:48: Und ich finde wir finden das Menschen einen Auskunftsrecht haben sollten und wissen sollten, hat diese Entscheidung mich einzuladen oder nicht einzuladen zum Vorstellungsgespräch einem Mensch getroffen oder ein Computerprogramm?
00:22:03: rechtlich noch gar nicht geklärt ist.
00:22:04: Das ist eine Grauzone, was passiert eigentlich wenn tatsächlich mal ein Computerprogramm und nicht einen Mensch diskriminiert hat?
00:22:11: Wer es dann in der Verantwortung?
00:22:13: der Programmierer?
00:22:14: oder ist das der Auftraggeber?
00:22:16: Wie kann man dagegen vorgehen?
00:22:17: Wer hat da welche Ansprüche oder nicht, das muss der Gesetzgeber klären.
00:22:22: Das kann man nicht gerichten überlassen, dass die da irgendwie den Daumen hoch und herunter machen.
00:22:26: Aber
00:22:26: es gibt doch AI-Act, DSGVO, da gibt's doch schon einiges!
00:22:29: Ja aber konkret zur Diskriminierung von Einzelpersonen nicht.
00:22:32: Da sind systemische Fragen drin Die Auskunftsansprüche ermöglichen, aber tatsächlich wenn ich als Privatperson diskriminiert worden bin beim Zugang zu einer Dienstleistung dann kann ich mich nicht auf den AI-Eck berufen und sagen hier ich habe Entschädigung oder Schadensersatzansprüche.
00:22:49: Jetzt gibt es ja auch bei Wohnungs- und Kreditvergaben bei Versicherungen auch immer wieder schon sozusagen Algorithmen die in Roll spielen.
00:22:54: sie hatten jetzt auch rausgefunden dass ältere Menschen nur bei Kfz-Versicherung mehr drauf zahlen wo Ungleichs wie das berechnet wird.
00:23:02: was genau muss sich denn da in Deutschland ändern damit das besser reguliert ist aus ihrer Sicht?
00:23:06: Bei Diskriminierung geht es immer darum, dass man eine unsachgemäße Ungleichbehandlung erfahren hat.
00:23:12: Und das gibt aber ja viele Gründe, warum man einen sachlichen Grund hat, bestimmte Gruppen anders zu behandeln.
00:23:19: Die Frage ist, gibt es diesen sachlichengrund und warum ist der nicht transparent?
00:23:22: Nehmen wir das Kfz-Beispiel wenn Menschen über sixty-fünf Pauschal drauf zahlen müssen dann sollten die Versicherer gute Gründe haben, die sie aber dann bitte auch transparent machen möchten.
00:23:35: Und im Moment gibt es keine Auskunftsansprüche.
00:23:37: Das heißt, ich kann am Ende als Kunde, Kunden gar nicht rausfinden warum ich jetzt aussortiert wurde und da muss auch wieder der Gesetzgeber ran.
00:23:46: Wir haben gerade eine AGG-Reform im Bundestag anzustehen und diese ganzen aktuellen Themen die es gibt, die vielleicht vor zwanzig, dreißig Jahren noch gar nicht aktuell waren weil das eben keine KI gab und keine Digitalisierung in diesem Maße Die müssen jetzt geklärt werden, die müssen rechtlich geklärt werden.
00:24:05: Jetzt stehen auch Landtagswahlen aus deutschen Bundesländern vor der Tür das ja schon seit einem Jahr ein Thema dass Fachkräfte aus dem Ausland Ostdeutschlands meiden scheinen mutmaßig auch wegen Befürchtung von Diskriminierungserfahrungen.
00:24:18: wie ist denn da?
00:24:18: Die Lage hat sich ja was verändert.
00:24:20: Also was ich höre ist, dass immer mehr Menschen tatsächlich bestimmte Regionen meiden.
00:24:26: Weil sie denken, ich kriege da vielleicht einen Job aber im Alltag komme ich dann nicht gut klar oder muss mir sogar Angst um meine Sicherheit machen, Sorgen machen und meine Sicherheit Und das ist schon etwas.
00:24:37: die Unternehmen in Sachsen Da gibt es das Silicon-Sexeny zum Beispiel Die tun sich schwer Fachkräfte anzuwerben, übrigens nicht nur aus dem Ausland.
00:24:46: Zum einen haben wir viele inländische Menschen die von Rassismus betroffen sind und wir haben natürlich auch Frauen oder Menschen, die queer sind oder eben irgendwie nicht ins typische Bild passen und Angst haben müssen dass rechtsextreme oder auch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit lebende Gruppen da in Angriffsposition gehen also den Alltag einschränken.
00:25:11: Was es da braucht ist eine klare Haltung aus der Politik.
00:25:14: Wir tolerieren keine Übergriffe, wir tolerieren keinen Rassismus und keine Diskriminierung.
00:25:20: Und die Unternehmen, die aber selber schon versuchen, soweit ich das sehen kann, sehr klare Halterung zu zeigen und Menschen anzuwerben.
00:25:30: Es gibt ein Unternehmensnetzwerk für ein weltoffenes Sachsen heißen Sie.
00:25:34: Die machen das natürlich nicht zufällig und haben jetzt beschlossen, wir haben so Lust politisch zu werden sondern sie machen es weil sie Fachkräften klar signalisieren wollen.
00:25:44: Sie sind herzlich willkommen und wir kümmern uns um euch und möchten euch.
00:25:48: aber dass ist soweit gekommen.
00:25:49: Das zeigt auch wie brenzlich die Lage geworden ist.
00:25:53: Eine Frage noch tut die Politik denn genug aus Ihrer Sicht?
00:25:56: hat ihr das klar im Blick?
00:25:58: Das Thema Diskriminierungsschutz wird von der Bundespolitik aber auch in den Ländern leider nicht hoch genug gehängt.
00:26:05: Wir haben vor wenigen Wochen eine repräsentative Befragung gemacht, die zeigt das.
00:26:09: Einen Prozent der Bevölkerung sagen sie möchten besser vor Diskriminierungen in Deutschland geschützt werden.
00:26:16: D.h.,
00:26:16: die Bevölkerung ist da überhaupt nicht gespalten sondern sehr klar.
00:26:20: In der Politik habe ich aber den Eindruck, dass es sehr wohl sehr gespalten ist.
00:26:24: Der Schutz zur Diskriminierung wird so als links-grünes woches Thema gesehen während andere finden das hat mit uns überhaupt nichts zu tun und wir brauchen das in Deutschland nicht.
00:26:36: Dafür habe ich kein Verständnis, nicht nur die Wirtschaft, die einen guten Wirtschaftsstandort haben will und die Unternehmen in Deutschland.
00:26:44: Sondern auch die Politik sollte ein Interesse daran haben dass eine vielfältige Gesellschaft respektvoll miteinander lebt und keiner Angst haben muss komplett pauschal ausgeschlossen zu werden ausgegrenzt zu werden oder auch noch beleidigt zu werden weder am Arbeitsplatz noch im Alltag.
00:27:00: Vielen Dank Frau Ottermann
00:27:01: sehr gerne.
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